Dr. Caroline Di Bernadi Luft

Als Neurowissenschaftlerin untersucht sie das menschliche Nervensystem und Hirnstimulations-Methoden

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Wie können wir unsere Kreativität steigern?

With love and data Podcast Episode #058

Wie können wir unsere Kreativität steigern?

Caroline Di Bernardi Luft ist kognitive Neurowissenschaftlerin und Dozentin an der Queen Mary University in London. Ihre Forschung umfasst das zentrale Nervensystem und Hirnstimulations-Methoden, die sich auf die Kreativität konzentrieren. In dieser Episode diskutieren wir, wie unser Gehirn innovative Ideen kreiert und wie neuronale Mechanismen während unseres kreativen Denkprozesses funktionieren.

Was sind Alphawellen im Gehirn?

In ihrem Labor verwenden Caroline di Bernardi Luft und ihr Team eine Technik, die als nicht-invasive Hirnstimulation (NIBS) bezeichnet wird. Dort wird festgestellt, ob es möglich ist, unser Kreativitätsniveau durch die Veränderung unserer Gehirnmuster zu verbessern. Grundsätzlich besteht unser Gehirn aus Milliarden von Zellen, die als Neuronen bezeichnet werden. Um miteinander zu kommunizieren, verwenden diese Neuronen elektrische Impulse.

Ein EEG (eine elektrophysiologische Überwachungsmethode) misst die elektrische Aktivität in unserem Gehirn und erstellt eine Visualisierung wellenartiger Muster. Deswegen werden diese elektrischen Signale, die von einer Gruppe von Neuronen erzeugt werden, Gehirnwellen genannt. Gehirnwellen sind wie Gehirnrhythmen. Einer dieser Rhythmen heißt Alpha-Hirnrhythmus und beträgt 8 bis 12 Hertz-Zyklen pro Sekunde. Diese Schwingungen sind mit einer Reihe verschiedener Prozesse verbunden.

Ist es möglich, unsere Kreativität durch elektrische Hirnstimulation zu steigern?

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Alpha-Gehirnwellen mit unseren kreativen Ideen zusammenhängen. Nun stellt sich die Frage: Ist es möglich, ein anderes, kreativeres Ergebnis zu erzielen, wenn wir die Alpha-Gehirnwellen stimulieren?

Die Statistiken zeigen, dass es tatsächlich möglich ist, Gehirnmuster nachzuahmen und sie kausal zu beeinflussen. Doch wir Menschen sind im Allgemeinen viel komplexer gestrickt, als es die Darstellung von den Statistiken zeigt.

Was passiert genau in unserem Gehirn während des Kreativitätsprozesses?

Um den Prozess der Kreativität zu verstehen, müssen wir darüber nachdenken, was Kreativität im Sinne eines Prozesses bedeutet. 

Zu Beginn eines Projekts können wir eine Phase der Ideengenerierung definieren, in der eine bestimmte Anzahl von Ideen gefördert wird. Danach beginnen wir diese auszuwählen und auszuwerten. 

Zunächst gehen wir von den offensichtlichen Ideen aus, lösen uns dann von diesen und werden während des Prozesses immer kreativer. Wir beginnen ein Gleichgewicht zwischen der Generierung von Ideen und der Auswahl von bestimmten Kriterien zu finden, die für uns wichtig erscheinen. Doch der kreative Gehirnprozess setzt erst dann ein, wenn unsere Gedanken “wandern” und wir zum Beispiel tagträumen. 

Was passiert während dieses Prozesses im Gehirn? Wir alle besitzen ein Netzwerk von Regionen, das als Default Mode Network (Ruhezustandsnetzwerk) bezeichnet wird. Dieses spielt eine wichtige Rolle beim kreativen Denken und insbesondere auch beim Brainstorming. Dabei ist es im Ruhezustand immer sehr aktiv. 

Dies ist laut der Forschung einer der Gründe, warum unser Geist kreative Ideen zum Leben erweckt, ohne dass wir sie bewusst kontrollieren:

“[...] diese Regionen sind sehr aktiv, wenn Sie sich nicht auf etwas konzentrieren. Deshalb hat man manchmal unter der Dusche eine Idee. Und warum? Weil dein Gehirn tatsächlich eine Reihe von verschiedenen Erinnerungen durchläuft und versucht, Dinge zu kombinieren, um Probleme für dich zu lösen."

Was können wir tun, um kreatives Denken zu fördern?

Unser Gehirn erzeugt Alphawellen, wenn wir uns ruhig und entspannt fühlen und wir die externen Reize ausschalten. Die Studien von Caroline di Bernardi Luft haben herausgefunden, dass die Aktivität von Alpha-Gehirnwellen mit unserer Fähigkeit, subtile und innovative Ideen zu entwickeln, zusammenhängt. Die Teilnehmer, die ein höheres Maß an Alpha-Gehirnwellen besaßen, entwickelten weiter entfernte Assoziationen für ein Problem.

Um diesen Prozess zu verdeutlichen, erklären wir den Vorgang an folgendem Beispiel: Stellt euch ein Glas vor. Was könnt ihr damit alles tun? 

Die meisten Menschen denken zunächst an ein Glas. Das zweite, was ihnen in den Sinn kommt, ist ein Getränk hineinzugießen. Das ist das Offensichtlichste. 

Doch dann fangen wir an, weitere Ideen zu entwickeln. Ein Glas kann zum Beispiel auch als Behälter dienen oder vielleicht ein Musikinstrument sein. Unser Geist beginnt nun die Konzepte, die zusammenpassen, zu organisieren. 

Das heißt: Wenn wir uns etwas Innovatives einfallen lassen wollen, sollten wir uns wahrscheinlich nicht für die erste Idee entscheiden, da diese Idee für die meisten Menschen nicht kreativ sein wird. Kreativität bedeutet in diesem Fall, einen anderen, weniger offensichtlichen Weg zu wählen.

Also, was können wir tun, um unseren kreativen Gehirnprozess zu fördern? 

Pausen einlegen und etwas völlig anderes tun. Zum Beispiel eine leichte Aktivität, die wir gleichzeitig auch genießen und die nichts mit unserem aktuellen Problem zu tun hat. So können wir unser Unterbewusstsein im Hintergrund arbeiten lassen und es entstehen ganz neue Ideen.

Wie kann geplante Prokrastination helfen, die eigene Kreativität zu trainieren?

Unser Geist arbeitet immer und weiß genau, wo unsere Prioritäten liegen. Während wir an einem großen Projekt arbeiten, müssen wir demnach eine Art geplante Prokrastination, also einen Aufschub, vornehmen. 

Erster Schritt: Hart arbeiten. Zweiter Schritt: Die Arbeit ruhen lassen. 

Die kreativen Prozesse in unserem Gehirn laufen unbewusst ab. Während kleiner Pausen kommunizieren der bewusste Teil (der präfrontale Cortex – ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde – das Executive Control Network) und der unbewusste Teil des Gehirns (das bereits genannte Default Mode Network) miteinander. Wenn wir Ideen bewerten, funktioniert unser präfrontaler Cortex. Dies ist unser bewusster Zustand. Der unbewusste Zustand ist mit unserem Ruhezustandsnetzwerk verbunden.

Menschen neigen dazu, über einen bestimmten „Aha“-Moment zu sprechen, wenn sie tagträumen, nicht über das eigentliche Problem nachdenken und am Ende dann plötzlich eine Idee haben. Der beste Weg, um unsere Kreativität zu fördern, besteht darin, dieses Verhalten zu trainieren. Jede Erfahrung, jede Verbindung, die wir erleben, verändert unser Gehirn. 

Also, gute Nachrichten: Ja, wir können Kreativität trainieren!

 

Wenn ihr mehr über die Arbeit von Caroline Di Bernardi Luft wissen wollt, dann hört euch unsere Podcast-Episode mit ihr an!

2021-01-20 podcast Kreativität Neurowissenschaft Studies

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